Irina Maxway (irina_max_usa) wrote,
Irina Maxway
irina_max_usa

                                                                              
IWAN  GOLL


DER  PANAMAKANAL
(Spätere Fassung, 1918)


                  I

Noch lagen die Jahrhunderte des Urwalds mitten zwischen den Meeren. Mit goldenen Zacken ausgeschnitten die Golfe und Buchten. Mit zähem Hammer zerschlug der Wasserfall die gestemmten Felsen.
Die Bäume schwollen in den sinnlichen Mittag hinein. Sie hatten die roten Blumenflecken der Lust. Schierling schäumte und zischte auf hohem Stengel. Und die schlanken Lianen tanzten mit weitoffenem Haar.
Wie grüne und blaue Laternen huschten die Papageien durch die Nacht des Gebüschs. Tief im fetten Gestrüpp rodete das Nashorn. Tiger kam ihm bruderhaft entgegen vom Flusslauf.
Feuerig kreiste die Sonne am goldenen Himmel wie ein Karusell. Tausendfältig und ewig war das Leben. Und wo Tod zu faulen schien: neues Leben  sprosste mit doppeltem Leuchten.
Noch lag das alte Jahrhundert zwischen den Menschen der Erde.


                 II

Da kamen die langen, langsamen Arbetertrupps. Die Auswanderer und die Verbannten. Sie kamen mit Kampf und mit der Not.
Mit keuchenden Qualen kamen die Menschen und schlugen die dröhnenden Glocken des Metalls.
Sie hoben die Arme wie zum Fluch und rissen den Himmel zürnend um ihre nackten Schultern.
Ihr Blut schwitzte in die Scholle. Wieviel magere Kinder, wieviel Nächte, angstvolle, wurden an solchem Tag vergeudet!
Die Fäuste wie Fackeln aufgereckt. Zerschriene Häupter.
Aufgestemmte Rümpfe. Es war Arbeit. Es war Elend.
Es war Haß.
So wanden sich die Spanier einst am Marterpfahl. So krümmten sich die Neger einst in verschnürtem Kniefall.
Das aber waren die modernen Arbeitertrupps. Das waren die heiligen, leidenden Proletarier.
Sie hausten in Baracken und in Lattenhütten stumpf. Geruch des Bratfischs und der Eckel des Branntweins schwelten. Die hölzernen Betten stießen sich an wie Särge im Friedhof.
Am Sonntag sehnte sich eine Ziehharmonika nach Italien oder nach Kapland. Irgendein krankes Herz schluchzte sich aus für die tausend andern.
Sie tanzten zusammen mit schwerem, schüchternem Fuß. Sie wollten die Erde streicheln, die morgen aufschreien musste unter der Axt. Dann schlürften sie für fünf Cents Himbeereis.
Und wieder kam das Taghundert der Arbeit.


               III

In ein Siechbett verwandelten sie die Erde. Die roten Fieber schwollen aus den Schlüften. Und die Wolken der Moskitos wirbelten um die Sonne.
Kein Baum mehr rauschte. Kein Blumenstern blühte mehr in dieser Lehmhölle. Kein Vogel schwang sich in den verlorenen Himmel.
Alles war Schmerz. Alles war Schutt und Schwefel. Alles war Schrei und Schimpf.
Die Hügel rissen sich die Brust auf im Dynamitkrampf. Aus den triefenden Schluchten heulten die Wölfe der Sirenen. Bagger und Kranen kratzten die Seen auf.
Die Menschen starben in diesem unendlichen Friedhof. Sie starben überall an der gleichen Qual.
Den Männern entfuhr der tolle Ruf nach Gott, und sie bäumten sich wie goldene Säulen auf. Den Weibern entstürzten erbärmliche, bleiche Kinder, als ob sie die Erde strafen wollten mit soviel Elend.
Von der ganzen Erde waren sie zum knechtischen Dienst gekommen. Alle die Träumer von goldenen Flüssen. Alle Verzweifler am Hungerleben.
Die Aufrechten und die Wahrhaftigen waren da, die noch an ein Mitleid des Schicksals glaubten. Und die dunklen Tölpel und die Verbrecher, die tief ins Unglück ihre Schmach verwühlten.
Die Arbei war nur Ausrede. Jener hatte zwanzig verbitterte Generationen in seinem Herzen zu rächen. Dieser hatte die Syphilismutter in seinem Blut zu erdrosseln.
Sie alle schrien im Kampf mit der Erde.

  
                   IV

Sie wussten aber nichts vom Panamakanal. Nichts von der unendlichen Verbrüderung. Nichts von dem großen Tor der Liebe.
Sie wussten nichts von der Befreiung der Ozeane und der Menschheit. Nichts vom strahlenden Aufruhr des Geistes.
Jeder einzelne sah einen Sumpf austrocknen. Einen Wald hinbrennen. Einen See plötzlich aufkochen. Ein Gebirge zu Staub hinknien.
Aber wie sollte er an die Größe der Menschentat glauben! Er merkte nicht, wie die Wiege eines neuen Meers entstand.
Eines Tages aber öffneten sich die Schleusen wie Flügel eines Engels. Da stöhnte die Erde nicht mehr.
Sie lag mit offener Brust wie sonst die Mütter. Sie lag gefesselt in den Willen des Menschen.
Auf der Wellentreppe des Ozeans stiegen die weißen Schiffe herab. Die tausend Bruderschiffe aus den tausend Häfen.
Die mit singenden Segeln. Die mit rauchendem Schlot. Es zirpten die Wimpel wie gefangene Vögel.
Ein neuer Urwald von Masten rauschte. Von Seilen und Tauen schlang sich ein Netz Lianen.
Im heiligen Kusse aber standen der Stille Ozean und der Atlantische Aufruhr. O Hochzeit des blonden Ostens und des westlichen Abendsterns. Friede, Friede war zwischen den Geschwistern.
Da stand die Menschheit staunend am Mittelpunkt der Erde. Von den brodelnden Städten, von den verschütteten Wüsten, von den glühenden Gletschern stieg der Salut.
Das Weltgeschwader rollte sich auf. Es spielten die blauen Matrosenkapellen. Von allen Ländern wehten freudige Fahnen.
Vergessen war die dumpfe Arbeit. Die Schippe des Proletariers verscharrt. Die Ziegelbaracke abgerissen.
Über die schwarzen Arbeitertrupps schlugen die Wellen der Freiheit zusammen. Einen Tag lang waren auch sie Menschheit.
Aber am nächsten schon drohte neue Not. Die Hanelsschiffe mit schwerem Korn und Öl ließen ihre Armut am Ufer stehn.
Am nächsten Tag war wieder Elend und Haß. Neue Chefs schrien zu neuer Arbeit an. Neue Sklaven verdammten ihr tiefes Schicksal.
Am andern Tag rang die Menschheit mit der alten Erde wieder.
Tags: deutschsprachige literatur
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